Meereserwärmung verändert die Artenzusammensetzung der Nordsee

Die Nordsee hat Hitzewellen

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Rund um die Nordsee freuen sich die Urlauber seit einigen Jahren über angenehmere Bade- und Planschtemperaturen. Aktuelle Messungen des Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) haben die Meereserwärmung auch für die Nordsee bestätigt: Bis in den Oktober hinein ist die Wassertemperatur der Nordsee seit 2005 sprunghaft höher gestiegen als in vergangenen Jahren.

Warm- und Kaltperioden hat die Nordsee schon immer gehabt. Seit dem Beginn der Aufzeichnungen vor 130 Jahren beobachten Meeresforscher einen Wechsel im Rhythmus von 5 bis 15 Jahren. Dabei lag die durchschnittliche Wassertemperatur der Nordsee, jeweils im Oktober 1968 bis 1993 gemessen, bei 11,8 Grad. Doch die neue Warmzeit hält nun schon seit 1987 an. Die Temperatur stieg in dieser Zeit kontinuierlich um durchschnittlich 0,13 Grad jährlich. In den Rekordjahren 2005 und 2006 waren sogar Temperaturerhöhungen über 2 Grad messbar. Auch gelangen ganzjährig wärmere Strömungen aus dem Nordatlantik in die Nordsee. Sogar in den letzten harten Winterjahren sank die Wassertemperatur nicht mehr unter das langjährige Mittel. Die Tendenz ist aufgrund der Windverhältnisse in der westlichen Nordsee stärker als im Osten.

Als Ursache für die kontinuierliche Meereserwärmung wird der Klimawandel genannt. Das globale Ozeanüberwachungsprogramm ARGO meldet ein Vordringen von warmen Wassermassen Richtung Norden. Damit einhergehend wurden Algenteppiche beobachtet, die sich im Strom nach Norden bewegen. Ebenso warnen Meeresforscher schon seit Jahren vor dem Abschmelzen der arktischen Eismassen und seiner Folgen für den Golfstrom und das Klima in Nord- und Mitteleuropa. Für die Nordseeregion werden heißere Sommer, kältere Winter und stärkere und höhere Sturmfluten erwartet.

Außer der Temperatur ist auch der Salzgehalt der Nordsee gestiegen, die Lebensbedingungen in dem flachen Randmeer haben sich verändert. Was bedeutet das nun für den Lebensraum Nordsee? Meeresbiologen der Biologischen Anstalt Helgoland beobachten, dass sich die Lebensgemeinschaften den neuen Verhältnissen anpassen. Angefangen von den Kieselalgen, die in ihrem Wachstum stark von der umgebenden Wassertemperatur abhängig sind und am Anfang des Nahrungsnetzes im Meeresökosystem stehen, bis zu den größten Meeressäugern, den Walen. Das wärmere Nordseewasser zieht nach Beobachtungen der britischen Seawatch Foundation immer mehr Delfine und Buckelwale an, die bisher nur an der Südwestküste Englands vorkamen. Nun werden sie vermehrt vor der schottischen Nordseeküste von Aberdeenshire gesichtet. Auch Fische aus wärmeren Gefilden und Taschenkrebse fühlen sich mittlerweile in der Nordsee wohl. Typische Nordseefische wie der Kabeljau ziehen dagegen nach Norden ab, weil es ihnen zu warm wird. Das heißt, schon jetzt zeichnet sich ab, dass das Artenspektrum und damit das gesamte Ökosystem der Nordsee durcheinander gerät.