Miesmuscheln

Miesmuschelzeit

Deutsche Muschelfreunde freuen sich auf die Monate mit r, denn dann gibt es in den Restaurants und Fischläden endlich wieder Miesmuscheln. Weil die Muscheln auf ihren Transportwegen früher leicht verdarben, gab es nur in der kalten Jahreszeit Muscheln.

In Zeiten der Kühltransporter wäre es zwar möglich, Miesmuscheln auch bei warmen Temperaturen auszuliefern, doch die Tradition hat sich in Deutschland bis heute erhalten. Wer im Sommer Appetit auf Muscheln hat, kann ihn in allen Nachbarländern stillen. Dort gibt es ganzjährig Miesmuscheln auf dem Speiseplan. Wer sie selbst zubereitet, muss darauf achten, dass die Muschelhälften fest aufeinanderpressen oder sich bei leichter Berührung schließen. Offen klaffende Muschelschalen können darauf hinweisen, dass die Muschel nicht mehr frisch ist. Die fettarmen Muscheln sind reich an Mineralstoffen, Eisen, Jod, Eiweiß und den Vitaminen A B C und D.

Was den einen eine Freude ist, ist den anderen ein Leid. Längst sind die meisten natürlichen Muschelbänke des Wattenmeeres mit Kratznetzen abgefischt und damit der Meeresboden zerstört. Muschelfischer haben aus wirtschaftlichen Gründen Muschelbänke im Tiefenwasser angelegt, die nach einem Jahr „erntereif“ werden. Umweltschützer sehen auch mit der künstlichen Muschelzucht ein ernsthaftes Problem für das Ökosystem Wattenmeer. Dadurch fehlen den natürlichen Meereslebensgemeinschaften allein in Schleswig-Holstein 2.000 Hektar. Auch diejenigen Tierarten, die sich hauptsächlich von Miesmuscheln ernähren, sind von der Muschelfischerei betroffen. In Jahren mit wenig Miesmuscheln sind in der Folge zum Beispiel Eiderenten und Austernfischer verhungert.

Biologisch ist die Miesmuschel mit dem lateinischen Namen Mytilus edulis eine erstaunliche Lebensform. Die tropfenförmige blauschwarze Muschel lebt in der Gezeitenzone bis in 50 Meter Tiefe. Als einzige heimische Muschel lebt die Miesmuschel auch oberirdisch. Da sie wechselwarm ist, passt sich ihre Körpertemperatur der Umgebung an. So erträgt sie regelmäßig einen Temperaturunterschied von beispielsweise 18 Grad bei Flut und 30 Grad bei Ebbe. Wenn sie trockenfallen, haben sie innerhalb ihrer festgepressten Schalen ein wenig Wasser gespeichert und ihren Herzschlag reduziert.

Damit sie von den Gezeitenströmen nicht fortgerissen werden, sondern spezielle Drüsen an ihrem Fuß ein Sekret ab, das zu Byssusfäden anwächst. Das moosähnliche Aussehen dieser Fäden hat der Miesmuschel ihren Namen gegeben, denn das mittelhochdeutsche „mies“ bedeutet Moos. Mit Hilfe dieser Fäden heftet sich die Miesmuschel an ihren Untergrund fest. Sie kann sie auch wieder lösen und so ihren Standort geringfügig wechseln. Ihre festsitzende Lebensweise macht sie für Räuber zu einem leichten Opfer. Bei Flut ernähren sich vor allem Seesterne und Krebse von ihr, bei Ebbe Seevögel.

Die größte Aufgabe innerhalb des Ökosystems besteht in der enormen Filterleistung der Miesmuscheln. Mit ihren beiden Siphonen, die sie unter Wasser ausfährt, filtert sie aus dem Meereswasser Nahrungspartikel und Sauerstoff. Jede einzelne Miesmuschel filtriert etwa 2 bis 3 Liter Seewasser pro Stunde, das sind etwa 10 bis 20 Liter Seewasser pro Muschel und Tag. Deshalb werden Miesmuscheln auch als „Klärwerke“ des Wattenmeers bezeichnet.

Mit 12 Kilogramm Miesmuscheln pro Quadratmeter Muschelbank stellen die Miesmuscheln ein Viertel der gesamten Biomasse im Watt, das sind zehnmal soviel Tiere wie auf einer anderen Wattfläche. Hinzu kommen weitere 50 Tier- und 15 Algenarten, die zwischen den Miesmuscheln leben. So ist eine natürliche Miesmuschelbank ein bedeutender Lebensraum innerhalb des Wattenmeeres.

Autorin: Martina Poggel