Containerschiff

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420.000 Verschiffungen in den Nordseehäfen pro Jahr machen die Nordsee zu einer der meist befahrenen Schifffahrtsrouten der Welt. Jährlich ereignen sich 280 Havarien allein vor der deutschen Küste. Besonders an den engen Stellen wird’s gefährlich, dem Ärmelkanal, dem Großen Belt, der die Nordsee mit der Ostsee verbindet, und in der Elbemündung mit der Einfahrt in den Nord-Ostsee-Kanal.

Unentwegt ziehen am Horizont der südlichen Nordsee Fracht- und Containerschiffe entlang. Das bringt Probleme mit sich, denn Schiffe hinterlassen Dreck. Schiffsanstriche mit Tributylzinn sind verantwortlich dafür, dass u.a. bereits 100 Meeresschneckenarten vom Aussterben bedroht sind. Ein großer Schmutzfaktor ist das Öl: der überwiegende Teil der jährlich ca. 3 Millionen Tonnen Öl gelangt durch den Schiffsverkehr, die kommunalen Abwässer und den Betrieb auf Ölplattformen in die Weltmeere. Nach EU-Angaben sind allein in der Nordsee in einem Jahr ca. 600 Ölteppiche entstanden.

13 Prozent des jährlich ins Meer geratenen Öls stammt von Zwischenfällen mit Tankern. Ein Tankerunglück wie das der „Prestige“ vor der gallizischen Küste im November 2002 hätte in der Nordsee, insbesondere im Wattenmeer noch verheerendere Folgen. Szenarien der Umweltverbände sprechen vom Absterben des gesamten Ökosystems Wattenmeer. Schon die 600 Tonnen Öl, die bei dem Brand des Holztransporters „Pallas“ im Oktober 1998 ins Wattenmeer geflossen sind, haben regional eine Naturkatastrophe ausgelöst. 15.000 Seevögel starben nach Angaben des World Wildlife Fund (WWF) vor der Küste Amrums, wo die „Pallas“ strandete und ins Watt eingespült wurde.

Nur Glück und ein schwerer Sturm hat die britischen Shetland-Inseln vor einer großen Umweltkatastrophe bewahrt. Der Tanker „Braer“ lief im Januar 1993 auf einen Felsen auf und verlor mehr als 85.000 Tonnen Öl. Obwohl die Stürme das Öl verteilten und von der Küste weg drückten, fanden dennoch Hunderte von Seevögeln den Tod.

Während Ölteppiche noch durch Sperren eventuell aufgehalten werden können, lösen sich die meisten verloren gegangenen Chemikalien im Meerwasser. Sie können sich nur verdünnen, nicht aber entfernt werden. Ende des Jahres 1993 verlor der französische Frachter „Sherbro“ bei stürmischer See einige Container. Darin lagerten die chemischen Mittel zur Saatgutbehandlung Apron Plus und Ridonilplus, die ein sehr giftiges Insektizid enthielten. Glücklicherweise waren sie in Plastikbeutel verpackt und schwammen auf dem Wasser. Überall an der deutschen Nordseeküste, vor allem an den Stränden der vorgelagerten friesischen Inseln wurden diese Giftsäckchen angespült oder ins Watt eingeschwemmt. Doch nicht alle blieben heile: Zwei Monate später wurde vor Helgoland der giftige Zerfallsstoff Carbofuran nachgewiesen, der vermutlich von diesen Säckchen stammte. Wenn auch hier die Umweltkatastrophe ausblieb, so hatte der Fremdenverkehr in der gesamten Region deutliche Einbußen hinzunehmen.

Bisher hat die Nordsee Glück gehabt, sie verdreckt zwar schleichend, aber von einem größeren Schiffsunglück ist sie bisher verschont geblieben. Die Gefahr ist bekannt: Umweltverbände, staatliche Schifffahrtsbehörden und die Europäische Union beschäftigen sich schon seit Jahren damit, wie Schiffsunfälle mit unabsehbaren Folgen für den Naturraum Nordsee verhindert werden können. Es geht vor allem darum, wie alte und defekte Schiffe kontrolliert und aus dem Verkehr gezogen werden können. Die Praxis erweist sich als tückisch. Ein Tanker unter panamesischer Flagge kann seinen Heimathafen in Singapur haben. Die Eigner kommen evtl. aus Deutschland, Belgien und Kanada, der Kapitän aus Norwegen und die Besatzung von den Philippinen. Weder das Land noch die Zuständigkeit kann in manchen Fällen noch festgestellt werden. Hinzu treten oft sprachliche Probleme in den Häfen, die die Schiffe laut internationaler Seerechtsbestimmungen kontrollieren sollen.

Deutschland hat als Vorreiter das Havariekommando in Cuxhaven eingerichtet. Es soll die Küstenstraßen überwachen und im Falle eines Unglücks sofort aktiv werden. Notfallschlepper sind an strategischen Orten stationiert. Hochmoderne Ölbekämpfungsschiffe wie die „Neuwerk“ sollen erste Hilfe leisten, wenn es ernst wird.