Orgel der modernen Kirche am Meer in Schillig

Spezial. Neues von „Luv & Lü“, dem Blog über Menschen aus dem Wangerland:

Impulsive Entscheidungen sind die besten. Wir als Kreative können ein Lied davon singen, sonst würde es „Luv & Lü“ nicht geben. Und spontan gelebtes Leben kann zu visionären Erfahrungen führen. Warum Fabian Thomas des Öfteren im Leben nach rechts abbiegt, anstatt nach links wie ursprünglich geplant – das erzählen wir jetzt.

Wir treffen Fabian, den smarten Typen von Mitte zwanzig, auf einem malerischen Resthof im Wangerland an der Nordsee. Als wir mit ihm sprechen, merken wir schnell, dass Fabian jobtechnisch auf der Überholspur lebt. Er ist Organist, also Musiker, außerdem eine Art Musiktherapeut. Und er ist Vater auf Entfernung, arbeitet als Restaurantfachmann in der Gastronomie, betreut Ferienwohnungen und Feriengäste. Obendrein ist er Grafiker und Fotograf. Das reicht eigentlich für drei Leben. Aber fangen wir von vorne an.

Aufgewachsen in Nordrhein-Westfalen jobbte er bereits seit seiner Jugend in der Gastronomie. Die Liebe zu diesem Beruf kam durch seine Mutter, die auf einer Beauty-Farm arbeitete. Jeden Tag nach der Schule fuhr er zur ihr, um auszuhelfen. Für alle in der Familie war klar: Das macht Fabian irgendwann hauptberuflich. Fabian hat sich jung gebunden und wurde früh Vater. Eines Tages fing seine heile, kleine Welt an zu wackeln, und er entschloss sich einen Neuanfang zu starten. Sein Ziel: die Nordseeküste. Fabian folgte einem Bauchgefühl und landete in Wilhelmshaven, wo er für drei Monate in einem Hotel arbeitete. „Ich habe schnell gemerkt, dass mir das mit der Gastronomie einfach keinen Spaß mehr macht, und es jetzt an der Zeit ist, auch in beruflicher Hinsicht einen Neuanfang zu wagen“, erzählt Fabian.

Auf die Frage, warum er die Gastronomie an den Nagel hängen möchte, erzählt er: „Der Job ist oft anstrengend und undankbar, wenn man es von der einen Seite betrachtet. Die Bezahlung ist miserabel für die Stunden, die man leistet, der Stress dahinter, Freunde und Freundschaften kannst du total vergessen. Es gibt diese Gastronomen-Sprüche, dass man keine Freunde braucht, weil die Arbeitskollegen deine Familie sind. Man kann sich das Ganze auch schönreden und das tun, glaube ich, auch 90 Prozent aller Gastronomen. Irgendwann kommst du an dem Punkt in deinem Leben, wo du aufhören solltest, dir alles schön zu reden. Dass es einfach wichtigere Dinge im Leben gibt, die einen glücklicher machen.“

Besprechung

Mit einer Menge Mut im Gepäck macht sich Fabian auf die Reise in ein neues Genre: Grafik- und Webdesign und Fotografie. Bloß nie wieder Gastronomie! Er plant seine Selbstständigkeit und trifft auf seinen jetzigen Arbeitgeber, der – Überraschung! – aus der Gastronomie kommt. „Er schrieb mich damals an, dass er Fotos für seine Ferienwohnungen benötigt. Man traf sich, war sich sofort sympathisch und kam ins Gespräch. Tja, was soll ich sagen. Das ist jetzt dreieinhalb Jahre her und seitdem arbeite ich in seinem italienischen Restaurant „Il Gabbiano“ in Horumersiel als Restaurantfachmann und Mädchen für alles. Ich bin der Grafiker, produziere die Fotos für die Ferienwohnungen und betreue die Gäste. Und bin da gelandet, wo ich eigentlich nicht mehr hin wollte – in der Gastronomie, aber das funktioniert alles so gut, als würde man seit 30 Jahren zusammen arbeiten. Das ist ein ganz großes Spektrum, was wir da betreuen. Und ich habe alle Freiheiten, die ich brauche“, erzählt Fabian mit einem zufriedenen Lächeln im Gesicht.

Eines Tages, scheinbar kein Einzelfall in seiner Wahlheimat Horumersiel im Wangerland an der Nordsee, kamen die Menschen auf Fabian zu. „Es ist nicht so anonym wie in der Stadt. Jeder ist menschlich an einem interessiert. Man kommt ins Gespräch und wenn man den Einheimischen hier sympathisch ist, lassen sie einen nicht mehr los. Plötzlich hat man ein neues Zuhause, hat neue Herausforderungen und neue Bekanntschaften in seinem Leben. Man muss nur offen und aufgeschlossen sein.“

Moderne Kirchenarchitektur an der Nordsee

Auf seinen täglichen Weg zur Arbeit fährt Fabian immer an einer Aufsehen erregenden Kirche vorbei. Die „Kirche am Meer“ ist ein stolzer, souveräner Kirchenneubau, der sogar einen Architekturpreis gewonnen hat. Fabian hatte mit Kirche wenig am Hut, aber er ist ja Musiker und suchte noch nach einen Ort, wo er diese Leidenschaft ausleben konnte. Er dachte an einen Chor und landete an der Orgel. „Man hat mir einfach den Schlüssel der Orgel in die Hand gedrückt, und seit Februar 2016 spiele ich dort, so oft ich kann, die Orgel. Ich hatte überhaupt keine Ahnung von den Abläufen in einer Kirche, wie eine Messe aufgebaut ist oder was ich eigentlich tun muss. Mittlerweile weiß ich das größtenteils und habe mich da so reingefuchst“, verrät Fabian. Aber Fabian spielt nicht einfach nur Orgel und singt klassische Kirchenstücke. Fabian erfindet die Kirche neu! Er spielt auch Songs von Peter Maffay oder den Soundtrack von „Fluch der Karibik“.

Fabian ist einer dieser Typen, die immer rechts abbiegen. Er ist auf der Suche. Nach neuen Herausforderungen. Und nach sich selbst. Stehenbleiben kommt für ihn nicht in Frage, dafür lässt sein Tagesablauf auch keinen Raum. „Es gibt Tage, da arbeite ich von 8 Uhr bis 11.30 Uhr als Musiktherapeut in der Klinik, dann regulär von 12 Uhr bis 15 Uhr im Restaurant, von 15.30 Uhr bis 16.30 Uhr bin ich in der Kirche, um 17 Uhr bis abends im Restaurant und oft fahre ich dann noch einmal in die Kirche und spiele für mich zum Runterkommen an der Orgel.“ Auf die Frage, wann er mal Zeit für sich hat, sagt er: „Das ist die große Frage, eigentlich alle zwei Wochen an den Wochenenden, wenn ich zu meinem Sohn nach Nordrhein-Westfalen fahre. Ich schalte mein Handy ab und denke keine Sekunde an die Arbeit! Aber mir macht das alles sehr viel Spaß, sonst würde ich das nicht machen. Und Horumersiel mit seinen Menschen schenkt mir immer wieder das Gefühl, zuhause und ein Stück weit angekommen zu sein.“

Als wir Fabian trafen, war uns übrigens nicht bewusst, wie modern, entspannt und beflügelnd Kirche sein kann. Ein Ort der Ruhe, der Besinnung und der Begegnung auf eine ganz neue und moderne Art. Klar, Fabian ist ein richtig guter Typ, und er hat sich für uns geöffnet und uns berührt. Wenn er an der Orgel spielt, ist er ganz bei sich. Er füllt diesen Raum mit einer Kunst, die man einfach lieben muss. Jeder, der im Wangerland lebt oder Urlaub macht, sollte sich nur einmal die Zeit nehmen und an diesen wunderbaren Ort gehen. Einfach nur zuhören, wenn Fabian an der Orgel spielt.

Interview mit Fabian Thomas und Video auf Luv und Lü

Autorin: Sylke Sdunzig

Fotos: Tom Tautz