Weihnachtsbräuche in den Nordseeländern

Weihnachten in den Nordseeländern

Foto: Rita Köhler/pixelio.de

Weihnachten feiern die Christen in aller Welt die Geburt Jesu Christi, der einen Lichtimpuls auf die Erde brachte. Von Anfang an lag dieses Fest nicht im Winter, erst Papst Julius I legte den Geburtstag auf den 25. Dezember fest. In diese Zeit fällt die Wintersonnenwende. Die heidnischen Völker feierten die Wiederkehr des Lichtes mit besonderen Ritualen.

Als Symbol für die Vollendung des Sonnenkreises diente das Rad. Das skandinavische „hjul“ für Rad erklärt vermutlich das Julfest der Wikinger und Germanen. In altgermanischer Zeit war es mehr ein Schlachtfest zu Ehren der Wiedergeburt der Sonne. Später wurden brennende Räder die Hügel hinabgerollt. Ein „Julklotz“ wurde angezündet und während der folgenden Rauhnächte am Brennen gehalten. Die Asche streuten die Menschen auf ihre Äcker, um die Göttin der Fruchtbarkeit Freya günstig zu stimmen.

Am 25. Dezember beginnen die Zwölften, die Rauhnächte oder die 12 heiligen Nächte. In dieser besonderen Zeit ist der Himmel weit geöffnet und die verstorbenen Seelen geistern herum, nach alten Vorstellungen begleitet von den Hulden oder Holden. Altnordische Sagen berichten von der Wilden Fahrt Wodans, der mit seinem achtbeinigen Schimmel über den Himmel jagt, das Totenheer im Gefolge. Die Rauhnächte enden am 6. Januar mit dem Besuch der germanischen Totengöttin Hel, der dämonischen Holle oder der weißen Frau. Nach christlicher Überlieferung ist der 6. Januar der Epiphaniastag beziehungsweise der Dreikönigstag.

Nach der Christianisierung der germanischen Völker im Norden mischten sich die heidnischen mit den christlichen Gebräuchen. Besonders in den nordischen Ländern der Nordseeregion sind Spuren alter Weihnachtsbräuche erhalten geblieben. So heißt das skandinavische „God Jul“ heute übersetzt „Schöne Weihnachten“. In Norddeutschland findet sich „Jul“ noch im „Jülbuum“, der zur Weihnachtszeit in manchem Fenster steht. Die Umtriebe in Skandinavien erinnern an die „Wilde Jagd“ Wodans und in England geht noch eine „weiße Frau“ um.

Norwegen

Die Weihnachtsfeierlichkeiten in Norwegen beginnen am 13. Dezember mit dem von Schweden übernommenen Lucia-Fest in Kindergärten und Schulen. Dabei geht ein Chor mit brennenden Kerzen durch die dunklen Räume und verteilt Lucia-Gebäck. Der 23. Dezember wird als „lille julaften“, als kleiner Heiligabend gefeiert. Der Heiligabend heißt „julaften“ und ist der wichtigste Weihnachtsfeiertag. Um 17 Uhr gehen viele in den Gottesdienst, danach gibt es Kabeljau oder Rippchen, dazu Weihnachtsbier und Aquavit für die Erwachsenen und Weihnachtslimonade, „julebrus“, für die Kinder. Zum Nachtisch wird Sahnemilchreis gereicht, in dem eine Mandel versteckt ist. Wer sie findet, bekommt ein kleines Geschenk. Ein besonderer Brauch rankt sich um den „nissen“, ein Kobold, der im Stall wohnt und Streiche spielt, wenn er nicht gut behandelt wird. Deshalb wird für ihn eine große Schüssel Milchreis vor die Tür gestellt. Geschenke bekommen die Norweger traditionell vom „julenissen“, der zwar als Weihnachtsmann übersetzt wird, aber eigentlich ein Weihnachtskobold ist. Am 25. Dezember wird ein festlicher Weihnachtsgottesdienst gefeiert. Zum Essen gibt es „lutefisk“, gelaugter Stockfisch, eingelegter Hering und „julepolse“, eine spezielle Wurst. Die Kinder gehen beim anschließenden „julebukk“ von Tür zu Tür und singen Weihnachtslieder. Dafür erhalten sie Süßigkeiten. Dies ist wohl ein Überbleibsel aus alten Zeiten, in denen die „julbocken“, junge Männer mit schaurigen Masken aus Fell und Birkenrinde, herumzogen und Lob und Tadel austeilten. Der „julebock“ findet als Strohziegenbock in manchen Familien noch seinen Platz unter dem Weihnachtsbaum, um die Geschenke zu tragen.

Schweden

Ein besonderer Weihnachtstag in Schweden ist der Lucia-Tag am 13. Dezember. Traditionell geht die älteste Tochter der Familie am Morgen mit einem Lichterkranz auf dem Kopf durch das Haus und weckt die Familie mit Gebäck. Der Ritus geht auf die Heilige Lucia zurück und stammt ursprünglich aus Sizilien. Der Höhepunkt der Weihnachtsfeierlichkeiten ist der Heiligabend, an dem es Julschinken, Schweinefusssülze oder Fisch in Cremesauce gibt. Auch in Schweden brachte früher ein Zwerg die Geschenke, der „jultomten“, der die Geschenke beim „julklapp“ ins Zimmer warf. Heute kommt der „jultomten“ in Gestalt des Weihnachtsmannes. Weitere Bräuche sind den norwegischen ähnlich.

Dänemark

Weihnachten in Dänemark beginnt bereits früh mit dem sogenannten J-Day, der Tag, an dem das eigens gebraute „julbryg“, das Weihnachtsbier, ausgeschenkt wird. In der Vorweihnachtszeit trifft man sich gern zum Frühstücksbuffet mit Hering, Garnelen und Fleischspezialitäten. Am „lille juleaften“, dem kleinen Heiligabend, schmückt die Familie den Weihnachtsbaum. Es gibt Grog und alle dürfen schon mal die Plätzchen probieren. Der Heiligabend ist wie in anderen skandinavischen Ländern das wichtigste Fest. Ein typisches Weihnachtsessen besteht aus Gans, Ente oder Pute, Rotkohl und in Zucker angebratene „braune Kartoffeln“. Der Milchreis mit einer versteckten Mandel darf auch in Dänemark nicht fehlen. Wer die Mandel findet, hat Glück im nächsten Jahr. Nach dem Essen bringt der Weihnachtsmann die Geschenke. Der dänische Weihnachtsmann kommt übrigens aus Grönland. Ein Jahrhunderte alter Brauch ist es, am Weihnachtsabend dem Hauskobold, dem „nissen“, ein Schälchen Brei auf den Dachboden zu stellen, um ihn friedlich zu stimmen.

Nord- und Ostfriesland

Das alte germanische „jul“ ist in Nordfriesland noch im „Jülbuum“ wiederzufinden. Ein senkrechtes Holz wird mit waagerechten Hölzern zu einer Art Baumform verbunden, mit Grün umwickelt und mit Nüssen, Äpfeln und Gebäck behangen. Ursprünglich umgab ein „Julböög“, ein Weidenbogen, den „Jülbuum“. Der Bogen symbolisierte das Sonnenrad. Manchmal heißt der Baum auch „Kenkenbuum“, Kindchenbaum, und trägt das vom Christkind gebrachte „Kenkentjüch“. Dieses besonders gestaltete Gebäck vereinigt christliche und heidnische Überlieferungen. Es zeigt Adam und Eva unter dem Paradiesbaum aber auch heidnische Elemente wie das Pferd als Symbol für Wodan, der Bock für Donar oder das Schwein für Freya. Heute ist der „Jülbuum“ als Friesenbaum bekannt und steht als weihnachtliche Dekoration nicht mehr nur an friesischen Fenstern.

Auf den Halligen hängt das Weihnachtsfest noch heute sehr von den Naturgewalten ab. Da die kleineren Halligen keinen eigenen Pastor haben, kommt ein Pastor vom Festland zur Weihnachtsmesse zu ihnen. Doch Eis und Sturm verhindern das oft, so war am Weihnachtsabend 2004 die Hallig Oland Land unter. In diesem Jahr mussten die 19 Einwohner der Hallig Gröde die Weihnachtsmesse fast eine Woche vorverlegen, weil am 25. Dezember tagsüber Ebbe ist und das Schiff mit dem Pastor dann nicht fahren kann.

In Ostfriesland heißt der Nikolaus „Sinnerklaas“. In der Vorweihnachtszeit, zu Neujahr und am Dreikönigstag gehen die Kinder mit dem „Rummelpott“ von Haus zu Haus. Der „Rummelpott“ ist ein Tontopf, über den eine Schweinsblase gespannt wird. Wenn man ein Hölzchen durch die Schweinsblase auf und ab bewegt, macht er schaurige Geräusche. Typisch sind Rummelpottreime wie:

Rummel, rummel, rum,

de Rummelpott geiht um.

Niederlande und Flandern

Der „Sinterklaas“ ist in den Niederlanden und Flandern bedeutender als der Weihnachtsmann. Begleitet wird er vom „Zwarten Pieter“, der mit dem deutschen Knecht Ruprecht Ähnlichkeit hat. Die Kinder stellen Schuhe vor den Kamin und eine Mohrrübe oder Heu für das Pferd vom „Sinterklaas“ dazu. In der Nacht zum 6.12. bringt er sogar noch größere Geschenke als der „Kerstmann“, der niederländische und belgische Weihnachtsmann.

Frankreich

In Frankreich hat das Festessen am heiligen Abend einen eigenen Namen „Le Reveillon“. Während die Familie in der Mitternachtsmesse ist, kommt „Pere Noel“ und legt seine Geschenke neben die Krippe.

England

In der Weihnachtszeit werden in England die Türrahmen mit Misteln, Stechpalmzweigen, Lorbeer und Girlanden geschmückt. Wer unter einem Mistelzweig steht, darf geküsst werden. Die Engländer feiern Weihnachten ausgelassen. Am Heiligabend gibt es ein ausgiebiges Festessen mit „Gregor“, dem typisch englischen Truthahn, und flambiertem Plumpudding. Auch in ihm ist eine Mandel versteckt, deren Finder einen Wunsch frei hat. Danach dürfen die Kinder sich verkleiden, es wird getanzt und gefeiert. In der Nacht endlich füllt „Father Christmas“ die aufgehängten Socken mit Geschenken. Der 26. Dezember wird in England als „boxing day“ gefeiert und es gibt nochmal Geschenke in Erinnerung an eine alte Sitte. An diesem Tag bekamen früher die Lehrlinge ihren Lohn in bunten Boxen. Am 6. Januar geht eine weiß vermummte Gestalt von Tür zu Tür, die noch sehr an die Holle oder weiße Frau erinnert. Sie heißt „Mari Lwyd“ und stellt Rätsel. Werden sie nicht gelöst, beisst sie zu.

An manchen Orten findet als Spuren der Wikinger im Weihnachtsgeschehen noch das Abbrennen eines „yule log“ statt. Auch einige Legenden aus den Anfängen der Christenzeit leben heute weiter. Der Bürgermeister von Glastonbury und der Pfarrer der Kirche St. John the Baptist schneiden jedes Jahr einen Zweig vom weltberühmten „Glastonbury Thorn“ und schicken ihn der „Queen“. Der Legende nach gründete Joseph von Arimathea das Kloster Glastonbury. Als er seinen Wanderstab in den Boden stieß, trieb der aus und wuchs zu einem Dornenbaum heran. Der heutige „Glastonbury Thorn“ ist natürlich eine Nachpflanzung.

In Yorkshire ist seit 700 Jahren zu Weihnachten die „Totenglocke des Teufels“ zu hören. Die „Devill’s Knell“ läutet für jedes Jahr seit Christi Geburt mittlerweile zwei Stunden lang als Ausdruck der Freude über die Vertreibung des Teufels von der Erde.

Autorin: Martina Poggel