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Wikinger: Raue Seefahrer und friedliche Händler

Wikingerschiff

Foto: EmmaN/pixelio.de

Große, schlanke Menschen aus dem Norden prägten die Welt des Frühmittelalters: Die Wikinger versetzten die Küstenbewohner der Nordsee in Angst und Schrecken, wenn nur der Drachenkopf am Horizont auftauchte. Das brachte ihnen den Ruf als grobschlächtige, rauhbeinige Plünderer und Saufbolde ein. Die meisten jedoch trieben friedlich Handel mit der damals kultivierten Welt und lebten in ihren Gehöften und Marktflecken. An alten Handelsplätzen zum Beispiel in Haithabu bei Schleswig oder im dänischen Ribe sind sehenswerte Freilichtmuseen eingerichtet.

Die Wikinger waren als Seefahrer äußerst erfinderisch und eroberten oder plünderten von der See aus. Nicht nur den Nordseeraum auch die Ostsee, das Mittelmeer und den Atlantik befuhren die Wikinger mit ihren schnellen, robusten Schiffen. Sie gelten sogar als die Entdecker Amerikas lange vor Christoph Kolumbus. Die Wikinger waren kein Volk, sie waren einfach die Menschen, die in den skandinavischen Ländern lebten und die gleiche Sprache sprachen. Das altnordische „vikingr“ heißt in etwa Seekrieger.

Leben auf einem Wikingerhof

Wikingerhaus

Wikingerhof auf den Lofoten. EmmaN/pixelio.de

Die küstenbewohnenden Wikinger bauten hallenartige, fensterlose Holzhäuser. In der Mitte sorgte ein Herdfeuer für Wärme und Licht. Hier fand alles statt: Kochen, Handarbeiten, Kleinreparaturen und auch Geselligkeit. Rekonstruktionen von Wikingerhäusern können u.a. im Wikingerzentrum Fyrkal in Süddänemark besichtigt werden. Wie andere Menschen ihrer Zeit betrieben die Wikinger Ackerbau und Viehzucht. Der Fischfang bildete ihre Hauptlebensgrundlage. Der Speiseplan enthielt Dorsch, Kabeljau, Schellfisch und Hering. Wale lieferten ebenfalls Fleisch, aber auch Tran und Häute. Aus Seehundfellen fertigten sie wasser- und kälteabweisende Kleidungsstücke. Die Zähne von Walrossen konnten sie als „Elfenbeinersatz“ an europäische Fürstenhäuser verkaufen. Ihre Haut verarbeiteten sie zu den stärksten Schiffstauen der damaligen Zeit.

Die Wikingerfrauen hatten Haus und Hof zu versorgen und trafen alle Entscheidungen, wenn die Männer längere Zeit abwesend waren. Sie verstanden sich besonders gut auf Vorratshaltung, die bei den langen Wintern im Norden lebenswichtig war. Sie trockneten Beeren und stellten haltbaren Quark her, den „Skyr“. Der in der salzhaltigen Luft getrocknete Stockfisch war Nahrung im Winter für die Sippe, Wegzehrung auf den langen Seefahrten und beliebtes Handelsgut. Aus Gerstenmalz und Hopfen brauten die Frauen ein leichtes Bier, das den Wikingermännern das Vorurteil der Sauffreudigkeit einbrachte. Auch die Kleidung stellten die Wikingerfrauen für die große Familie her, deshalb fehlte in keinem Wikingerhaus ein Webstuhl. Aus Wolle webten sie warme Kleiderstoffe, aus denen sie Unterkleider, Tuniken für die Männer und Trägerröcke für die Frauen nähten. Um die langen und ruppigen nordischen Winter überstehen zu können, fütterten sie die mantelartige Obertunika mit Daunen, ein Prinzip ähnlich unserer heutigen Winterjacken.

Wikinger lebten in Sippen zusammen. Sie kannten kein Staatswesen, das die gemeinsamen Belange regelte, aber es gab einen Jarl, einen gewählten Häuptling, und den Thing als politisches Beschlussorgan, dem alle freien Männer, die Karlar, angehörten. Knechte und Mägde waren besitzlos und mussten sich auf den Höfen als Hilfskräfte anbieten. Auf der untersten gesellschaftlichen Stufe standen die Sklaven, die die Wikinger von ihren Beutezügen mitbrachten.

Götter, Runen und Feste

Runenstein

Runenstein in Dänemark

An besonderen Orten in der Natur opferten die Wikinger ihrer vielfältigen Götterwelt, die von dem machtvollen Odin angeführt wurde. Sein Sohn Thor war als Kriegsgott besonders wichtig für die Wikinger. Der Göttin der Fruchtbarkeit Freya dankten sie für eine reiche Ernte. Es gab bei den Wikingern keine Priester; besonders ausgebildete Männer und Frauen führten die Rituale aus. Sie waren auch der Runenschrift kundig, die sie für magische Zwecke nutzten. Die Runenschrift war eine Ritzschrift, die gut auf Amulette, Hausbalken oder Schiffssteven angebracht werden konnte. Runensteine mit Inschriften zu Ehren einiger Wikingerfürsten sind überall in Skandinavien zu finden. Später nutzten auch die Händler diese Schrift, indem sie kleine Ästen mit Mitteilungen ritzten. Diese „runakil“ waren die Vorläufer unserer heutigen Post.

Wikinger liebten Feste und Wettkämpfe. Das Julfest im Winter dauerte allein 12 Tage. Beim Steineheben und -werfen, beim Wettlauf, Bogenschießen, Speerwerfen, Bergsteigen und Schwimmen maßen die Männer und Jungen ihre Kräfte. Doch nicht nur tüchtige Krieger auch Dichter, die Skalden, waren hochgeachtet. Auf allen Festen und besonders in der langen, dunklen Winterzeit waren sie gern gesehene Gäste.

Die besten Seefahrer ihrer Zeit

Wikingerboot

Mit ihren Drachenbooten fuhren die Wikinger über die Nordsee. Cellblock/pixelio.de

Das rauhe Klima des Nordens machte die Landwege oft unpassierbar, so dass die Wikinger eine besondere Fertigkeit im Bootsbau entwickelten, um die Seewege zu nutzen. Im frühen Mittelalter waren sie sogar die einzigen, die auf Hochseefahrt gingen. Dazu nutzten sie Naturbeobachtungen  und eine Peilscheibe aus Holz oder das sogenannte Breitengradsegeln, bei dem ein bestimmter Abfahrtsort und ein günstiger Wind gewährleistete, dass sie an dem gewünschten Ziel ankamen. Ihre außergewöhnlichen Kenntnisse als Seefahrer nutzen sie, um sich über Europa bis in den Mittelmeerraum hinein auszubreiten, Handel zu treiben und sogar bis nach Nordamerika zu gelangen.

Ihre Boote bauten sie ohne Pläne aus Eichenplanken. Auch Kiefer, Esche, Erle, Birke, Weide und Linde wurde verwendet. Mit ihren Äxten konnten sie millimetergenau arbeiten. Typisch für die Wikingerschiffe war die Klinkerbauweise, bei der sich die Planken dachziegelartig überlappen, die doppelspitze Form und der niedrige Tiefgang. Das Verhältnis von Breite zu Länge betrug bei den robusten Handelsschiffen 1:4, bei Kriegsschiffen sogar 1:7 bis 1:10, wodurch diese Langschiffe besonders schnell waren. Sie erreichten mit dieser Bauweise bis zu 12 Knoten. Ein hochseetaugliches und für die damalige Zeit superschnelles Schiff war der sagenhafte Knorr. Bei Bedarf konnten die Schiffe von der 35- bis 60-köpfigen Mannschaft gerudert werden. So konnten die Wikinger bei Flaute dennoch ungehindert ihren Weg fortsetzen oder vor ihren Feinden fliehen, sie konnten aber auch die Flusssysteme befahren, weil sie den Mast unter den Brücken einfach umlegen konnten. So drangen die Drachenboote weit in das friesische Innland ein. Die Wikinger bevorzugten als Gallionsfigur furchterregende Drachenköpfe, die nicht nur die Feinde sondern auch die Unholde der Meere abschrecken sollten.

Manche Fürsten ließen sich mit ihren Schiffen begraben. Um 1900 fand man am Oslofjord solche Grabbeigaben: das Osebergschiff und das Gokstadschiff. Sie glaubten, dass ein Schiff ihnen den Weg ins Jenseits erleichtern würde.

Die Wikinger als Händler

Mit ihren robusten und schnellen Handelsschiffen besegelten die Wikinger einen enormen Handelsraum, der sie außer in die Nord- und Ostsee bis zum Kaspischen Meer, ins Mittelmeer und zu den Nordmeerinseln führte. Der Handel in der Ferne versprach sichere und regelmäßige Einnahmen. Anfangs trieben Raubwikinger ihr Unwesen. Sie plünderten einen Ort und boten die geraubten Waren an einem Handelsplatz wieder feil. Nach und nach bauten sie an wichtigen Verkehrsknotenpunkten eigene Handelsplätze, die „Wiks“, die zu festen Marktsiedlungen anwuchsen. In der Nordseeregion bekannt sind Kaupang nahe dem heutigen Larvik in Norwegen, Ribe in Dänemark und Haithabu in Schleswig-Holstein. Haithabu konnte zwar auf dem Wasserweg nur von der Ostsee aus erreicht werden, war aber für den Nordseehandel überaus wichtig. Über die Flüsse Eider und Treene und einen nur 16 Kilometer langen Landweg war die Handelsstadt schneller zu erreichen als über den Seeweg um Jütland herum. Berufsmäßige Fuhrleute transportierten die Ware mit Ochsenkarren weiter in die Stadt.

Handelsgut waren haltbare Lebensmittel wie Stockfisch oder Honig und Felle aus dem Norden und Fertigprodukte wie Gläser und Tontöpfe aus dem Westen. Aus dem Mittelmeerraum brachten die Händler Öle, Wein und Früchte und aus dem Orient Schmuck und exotische Gewürze mit. Ein reger Sklavenhandel florierte überall. In Arabien waren Felle und hellhäutige Sklaven, die die Wikinger von ihren Plünderfahrten aus England und Irland mitbrachten, sehr beliebt. Sie zahlten mit Silbermünzen, die bald auch zur wikingischen Währung wurden. Passte der Wert der Münze nicht, hackten die Wikinger sie in entsprechende Stücke und wogen sie dann ab. Das war das sogenannte Hacksilber, mit dem sie den umständlichen skandinavischen Tauschhandel ablösten.

Wikingerzeit

Die eigentliche Wikingerzeit begann am 6. Juni 793 n.Chr. mit der Plünderung des Klosters des heiligen Cuthbert auf der Insel Lindisfarne vor der Küste Northumberlands. England war das Ziel der ersten Plünderungsphase der Wikinger, weil das Land in zahlreiche kleine Königreiche und Fürstentümer aufgeteilt war und nicht gut beschützt werden konnte. Hier hatten die Wikinger leichtes Spiel. Die norwegischen Wikinger zogen Richtung Nordengland, Irland und nordatlantische Inseln, die dänischen Richtung England und westeuropäische Küsten. Als die Königsmacht in Frankreich nach dem Tode Karls des Großen verfiel, plünderten sie auch dort. Die schwedischen Wikinger wandten sich nach Osten bis nach Russland. Der Grund für ihre Expansionstouren war vermutlich ein hohes Bevölkerungswachstum und damit einhergehend eine Verschlechterung ihrer Lebensverhältnisse.

Ihre Feinde und Handelspartner gaben den Wikingern unterschiedliche Namen. „Wicingas“ und „Dani“ hießen die Wikinger bei den Angelsachsen in England. Die Slawen nannten sie „Waräger“, das heißt Rudergemeinschaft, oder „Rus“, aus dessen Wortstamm später Russland entstand. Die Franken nannten die „Nordmänner“ „Normanni“. Bei den Arabern waren die Wikinger als „heidnische Teufel“ oder „madjus“ bekannt.  In der zweiten Phase der Eroberungszüge erpressten vor allem die Dänen Lösegeld von der Bevölkerung, das sogenannte „Danegeld“. Das ersparte Ihnen die aufwendigen Plünderungen. In einer dritten Phase ab 876 siedelten die Wikinger auf dem von ihnen eroberten Land. Nach ihnen benannt ist die Normandie, die die Wikinger 911 unter Häuptling Rollo vom fränkischen König als Herzogtum erhielten. Als die norwegischen und dänischen Wikingerhäuptlinge Königswürde erlangten, brachen sie wieder zum Wikingersturm auf. Die Dänen unterwarfen 1013 ganz England. Knut der Große wurde ein Jahr später König und herrschte ein paar Jahre als mächtigster König der Wikingerzeit über das „Nordseereich“ Dänemark, England, Norwegen und Schweden.

Die Christianisierung der skandinavischen Wikinger markierte das Ende Wikingerzeit. Durch ihre vielen Reisen kamen die Wikinger in Kontakt mit den Christen, aber sie taten sich schwer mit dieser Religion. Pragmatisch wie sie waren, sahen sie jedoch bald wie mächtig und reich die christliche Kirche war. In England, Irland und der Normandie nahmen sie schon bald die neue Religion an. Die skandinavischen Könige und Fürsten ließen sich nicht so leicht überzeugen. König Horich von Dänemark erlaubte schließlich dem Erzbischof Ansgar von Hamburg in Haithabu 849 die erste christliche Kirche zu bauen. Von hier aus startete der als „Apostel des Nordens“ bekannte Ansgar die Missionierung Skandinaviens. Als das Christentum im 11.Jhdt. auch in ganz Skandinavien eingeführt war,  änderte sich die Lebensweise der Menschen sehr, so dass nun auch hier das christliche Mittelalter Europas begann.

Autorin: Martina Poggel

Museen und alte Handelsplätze

Haithabu (Schleswig-Holstein)

Ribe vikingecenter (Südwestjütland)

Wikingerzentrum Fyrkat (Nordostjütland/Limfjord)

Runenstein und Königsgräber in Jelling (Südostjütland)

Kaupang (Südnorwegen)

Wikingerschiffe:
Liste von Wikingerschiffen

Hjortspringboot (Frühwikinger)

Nydamschiff (Frühwikinger)

Wikingerschiffsmuseum in Oslo (Oseberg- und Gokstadschiff)

Allgemeine Informationen:
wikinger.org
wikinger-in-daenemark.de
Wikingerforum

Veranstaltungen:
Wikingertage