Buch über Zugvögel

Woher wissen Zugvögel, wann sie starten und in welche Richtung sie fliegen müssen? Wie finden sie den richtigen Weg? Lernen sie alles von ihren Eltern oder ist es ihnen angeboren? Mit diesen Fragen beschäftigen sich die Forscher.

„Küh-jü-jü“ ruft die Zwerggans-Mutter in der sibirischen Tundra, und schon kommen die Küken schnell zu ihr. Das ist besonders wichtig, wenn der Polarfuchs in der Nähe ist. Dann führen die Eltern die Küken schnell zum See. Wenn sie schwimmen, kann ihnen der Polarfuchs nichts anhaben. Auch bei der Futtersuche bleibt die Familie zusammen. „Küh-jü-jü“ rufen die Eltern und die Küken antworten leise „Wi-wi-wi“. Die Kinder der Gänse, Schwäne und Enten lernen sehr früh, ihren Eltern zu folgen. Und so geht das auch bei der ersten großen Flugreise. Die Kinder fliegen mit den Eltern und lernen den richtigen Weg kennen. Im nächsten Frühjahr finden sie ohne Hilfe der Eltern den Weg zurück.

Lernen von den Eltern

Um dies genauer zu erforschen wurden Prägungsexperimente gemacht. Forscher nahmen Eier von Zwerggänsen aus dem Nest und brüteten sie im Brutschrank aus. Direkt nach dem Schlüpfen hörten die Küken das Geräusch einer Fahrradhupe: „Tröt-tröt“. Sofort liefen sie zur Hupe hin, weil sie das Geräusch für den Lockruf der Eltern hielten. Die Forscher mit der Hupe waren zu Ersatzeltern geworden und die Küken folgten ihnen überall hin. Als sie zum ersten Flug starteten, flog ein Forscher mit einem Ultraleicht-Flugzeug voraus. „Tröt-tröt“, und schon flogen sie hinterher. So gelang es, die jungen Gänse auf der Herbstreise ins Überwinterungsgebiet zu führen. Diese Flugroute merkten sich die Gänse und fanden im nächsten Jahr selbst den Weg. Damit war bewiesen, dass die Gänse die Flugroute von den Eltern lernen.

Nachfolgeprägung

Enten- und Gänseküken merken sich die Lockrufe, die sie direkt nach dem Schlüpfen aus dem Ei zuerst hören. Normalerweise sind das die Rufe der Eltern. Wenn man die Küken aber im Brutschrank ausbrütet und ihnen nach dem Schlüpfen einen anderen Ruf vorspielt, dann prägen sie sich diesen ein. Das kann eine Stimme sein, die „Komm-komm-komm“ ruft oder auch eine Fahrradhupe. Sobald sie diesen Ruf hören, laufen sie hinter dem rufenden Menschen her, das nennt man Nachfolgeprägung.

Angeborenes Flugprogramm

Bei den meisten Vogelarten lernen die Jungen die Flugroute allerdings nicht von den Eltern. Forscher vermuten, dass im Gehirn dieser Vögel der Zeitpunkt des Abflugs, die Flugrichtung und die Flugdauer festgelegt sind. Mit diesem angeborenen Flugprogramm finden sie den Weg bei ihrer ersten Reise. Die Einzelheiten der Flugstrecke merken sie sich und finden dann auch den Weg zurück.

Um dies zu untersuchen, setzten Forscher einen Zugvogel zu verschiedenen Jahreszeiten in einen Trichterkäfig. Im Herbst sprang der Vogel immer wieder hoch und wollte losfliegen. „Zugunruhe“ nennen die Forscher dieses Verhalten. Sie vermuten, dass eine Art innere Uhr dem Vogel die richtige Zeit zum Losfliegen angibt. Beim Hochspringen kratzte der Vogel mit den Krallen Linien in ein Spezialpapier auf der schrägen Wand. An den Kratzspuren sahen die Forscher, dass er im Herbst hauptsächlich nach Süden wollte. Mit diesem Experiment konnten sie das angeborene Flugprogramm nachweisen.

Orientierungshilfen

Magnetfeld der Erde
Vogelforscher fanden auch heraus, dass Vögel das Magnetfeld der Erde mit den Augen erkennen können. Die sogenannten Magnetfeldlinien stehen immer schräger zur Erdoberfläche, je weiter man sich dem Äquator nähert. Zugvögel, die in der Nacht unterwegs sind, sehen den Himmel im Süden etwas heller als den übrigen Nachthimmel. So finden sie auch im Dunkeln die Richtung.

Sonne
Andere Forscher haben nachgewiesen, dass Zugvögel die Himmelsrichtung am Stand der Sonne erkennen. Sie beobachten den Sonnenuntergang. Da die Sonne im Westen untergeht, wissen sie, dass sie sich nach links wenden müssen, um in den Süden zu fliegen – und nach rechts, wenn sie zurück in den Norden wollen.

Landmarken
Gänse, Seeschwalben und Watvögel fliegen gerne an einer Küstenlinie entlang. Auch Flüsse und Gebirge können Leitlinien sein.

Sterne
Es gibt einen einzigen Stern, der seinen Platz am Himmel im Laufe der Nacht nicht verändert: der Polarstern direkt über dem Nordpol. Zugvögel erkennen ihn und wissen so, wo Norden ist. Der Polarstern muss also beim Flug nach Süden immer hinter ihnen sein. Beim Rückflug im Frühjahr gibt der Polarstern die Flugrichtung nach Norden an.

Gehör
Nachts hören die Vögel das Rauschen der Meeresbrandung und wissen dann, dass sie an der Küste sind. Auch Wälder rauschen im Wind. So helfen typische Geräusche den Zugvögeln bei der Orientierung.

Geruchssinn
Bei den Heringsmöwen konnten Forscher nachweisen, dass sie ihr Überwinterungsgebiet sogar riechen können. Ein Sumpf riecht anders als eine Wüste, ein Wald riecht anders als eine Wüste, ein Wald riecht anders als der Ozean. Gerüche helfen also auch, den richtigen Weg zu finden.

Auszug aus:

Bernd-Uwe Janssen
ZUGVÖGEL – Weltenwanderer im Wattenmeer
2018, Willegoos Verlag, Potsdam
ISBN: 978-3-944445-16-8

Foto: iStockphoto.com/©Jason Lugo

Mit freundlicher Genehmigung des Willegoos Verlags.

Ein reich illustriertes, sehr informatives Buch über das Phänomen des Vogelzugs, insbesondere an der Nordseeküste. Leicht verständliche, erlebnisorientierte Texte führen in die anspruchsvolle Thematik ein. Persönliche Beobachtungen werden mit Hintergrundwissen bereichert. Dazu warten viele stimmungsvolle Fotos und erläuternde Grafiken auf interessierte LeserInnen jeden Alters. So hat die ganze Familie Freude an dem Band.